Ist das Buch ein Filmstoff – oder nicht? Script House wird in Zukunft den Weg zur Antwort auf diese Frage für Verleger und Produzenten verkürzen – durch Adaptionsanalysen. Wie die aussehen? Hier ein Beispiel.
Script House Adaptionsanalyse
Titel: Heldensommer
Autor: Andi Rogenhagen
Verlag: Bastei Lübbe
Vorlage: Fahnen, 267 Seiten
Erscheinungsdatum: 21. April 2011
Pitch
Mit einem 30 kg Beton-Kopf eines Kriegerdenkmals unterwegs nach Blutsuppe in Südfrankreich – es gibt Leichteres für einen 15jährigen. Aber wer sagt, dass Erwachsenwerden leicht ist?!
Kurzinhalt
Philipp und Borawski sind sauer: Der Französisch-Austauschlehrer Mairesse hat sie durchrasseln lassen und beide müssen die 9. Klasse nochmal machen. Philipp schmiedet einen Racheplan: Dem Resistance-Denkmal im Heimatort des Lehrers, das nach dem Großvater des Lehrers gestaltet wurde, will Philipp den Kopf des lokalen deutschen Kriegerdenkmals aufpflanzen. Eine abenteuerliche Reise durch Frankreich nach Saint-Savelat-du-Sange (genannt Blutsuppe) beginnt, die Philipp und Borawski immer wieder an ihre Grenzen stoßen lässt – nichts klappt wie geplant, das Geld wird knapp, Menschen betrügen sie – der schiere Wahnsinn. Trotz alledem: Sie kommen in Blutsuppe an. Doch den Kopf zu ersetzen, ist schwerer als gedacht und in der Vorbereitungszeit verdingen sie sich bei einem französischen Waldbauer. Philipp verliebt sich – das erste Mal – und diese Liebe befreit ihn von Tonnen pubertärer Schlacke. Als sie erleben, wie ihr rumänischer Kollege von einem Baum erschlagen wird und der Patron seine Leiche einfach verschwinden lassen will, merkt Philipp endgültig, dass es Wichtigeres im Leben gibt, als einen kindlich beleidigten Kleinkrieg mit dem Französischlehrer. Mairesse ist der Einzige, der ihm helfen kann – und er tut es!
Kurzeinschätzung
| Das Buch
|
Der Film |
| Genre: Roman | Genre: Coming of Age |
| Erzählform: chronologisch, Ich-Erzähler | Struktur: chronologisch, klassische dramatische 3-Akt-Struktur |
| Zeit/Ort: Gegenwart, Deutschland/Frankreich | Zeit /Ort: Gegenwart, Deutschland/Frankreich |
| Verkaufszahlen/Prognose: Debüt, kein Bestseller-Potential | Auswertung: Arthouse Kino-Ko mit Festivalauswertung, TV-Debüt |
Information zum Autor
Andi Rodenhagen ist Autor, Drehbuchautor und Regisseur. Er erhielt 1996 einen Grimme-Preis für den Dokumentarfilm „The Final Kick“. Andi Rogenhagens erster langer Spielfilm war die Komödie „Die Frau, die an Dr. Fabian zweifelte“ (Nominierung Max-Ophüls-Preis). 2010 Dreh des zweiten Kinofilms „Ein Tick anders“ (Kinostart Herbst 2011/Koproduktion von Wüste Film/NDR/ARTE). Mit „Heldensommer“ erscheint sein erster Roman, den er unter Umständen selber umsetzen würde.
Informationen zum Buch (Verkaufszahlen, Kritik etc.)
Das Buch erscheint als Hardcover am 21. April 2011 bei Bastei Lübbe.
http://luebbe.de/Buecher/Frauen/Details/Id/978-3-7857-6049-9
Rechte
Literarische Agentur Kossack GbR , Media Partner Zürich GmbH
Cäcilienstraße 14, 22301 Hamburg, Tel. 0049-40-27163828, Fax.0049-40-27163829
annette.wolf@mp-litagency.com,
www.mp-litagency.com
Ausführlicher Inhalt
Philipp ist 15. Er säuft, kifft, beklaut und belügt seine Eltern, verwahrlost emotional zunehmend und vernachlässigt die Schule. Seine Eltern in ihrer heilen bürgerlichen Welt haben den Kontakt zu ihm verloren, Philipp trickst sie aus, hält sie hin, ist meilenweit von ihnen entfernt. Vater ist für ihn ein Schwächling, den er mit Leichtigkeit manipuliert. Dass unter der abgestumpften Oberfläche ein hilfloser und verunsicherter Junge steckt, weiß Philipp vor allen zu verbergen – er hasst sein Zimmer, er hasst seinen Körper, seine Ängste und er weiß nicht, wie er an die Mädchen rankommen soll, die ihn immer mehr erregen.
Der Französisch-Austauschlehrer Mairesse bietet dem Jungen die Stirn und verhindert mit seiner schlechten Note Philipps Versetzung. Philipps dicker Kumpel Borawski bleibt auch hängen und beide sind stinkwütend. Borawski steigt sofort auf Philipps Racheplan an Mairesse ein: Zusammen schlagen sie den Kopf des 2. Weltkrieg-Kriegerdenkmals in ihrer Kleinstadt ab. Sie wollen ihn gegen den Kopf des Resistance-Denkmals in Mairesse´ Heimatort Saint-Savelat-du-Sange austauschen, der nach dem Portrait von Mairesse Opa modelliert wurde. Philipp tischt seinem Vater eine haarsträubende Geschichte auf, so dass dieser ihn mit 300 Euro ausgestattet nach Frankreich zum „Nachhilfeunterricht“ fahren lässt.
Die Reise geht los. Kumpel Udo, der mit seinem Auto die beiden nach Südfrankreich bringen will, steigt nach einem Tag aus, lässt die beiden im deutschen Niemandsland zurück und fährt nach Hause. Borawski und Philipp gehen alleine weiter. Der 30kg Betonkopf ist eine irre Last – die Jungen teilen und zerkleinern ihn. Ein Pädophiler nimmt sie mit – Philipp beobachtet völlig distanziert, wie er sich vor dem Jungen befriedigt. In Frankreich angekommen, nimmt ein Säufer die beiden ohne Scham total aus – jetzt stehen Philipp und Borawski fast ohne Kohle da. Beim Trampen werden sie von einem Ehepaar samt süßer Tochter mitgenommen – und einfach an einem Rastplatz zurückgelassen, nachdem sie ihnen irrwitzige Mitfahrgebühren abgeknöpft haben. Ein Franzose fährt sie ein Stück und lädt sie zum Übernachten zu sich nach Hause ein – in seiner Küche liegt ein schwerstbehinderter junger Mann – ein Motorradunfall hat sein Leben zunichte gemacht, als er so alt wie Borawski und Philipp war. Getrennt versuchen Borawski und Philipp weiter zu kommen. Zu Hause ist Philipps Betrug aufgeflogen, aber er kümmert sich nicht weiter darum – das Ziel heißt Blutsuppe und Rache an Mairesse. Ein Einsiedler nimmt Philipp auf, nachdem er mit einem Hund kämpfen musste und diesen erwürgt hat. Er versteckt Philipp vor der Polizei, pflegt ihn, bringt ihn wieder auf den Weg.
Borawski ist viel früher als Philipp in Saint-Savelat-du-Sange. Die beiden kommen bei einem Holzbauern unter, der auch einen illegalen Rumänen beschäftigt. Zu dritt gehen sie jetzt jeden Tag in den Wald zur Arbeit. An den Abenden bereiten sie ihren Coup vor: Zuerst muss der Kopf wieder zusammen gesetzt werden. Im Werkzeugladen des Städtchens begegnet Philipp einem 17jährigen Mädchen, das ihm sofort gefällt….
Der erste Versuch, den Kopf auszutauschen, misslingt gründlich: Philipps flieht vor aufgebrachten Bewohnern in eine Kneipe. Dort sitzt SIE. Philipp setzt sich neben sie, lehnt seinen Kopf aus Tarnung an ihre Schulter, schließt die Augen… und ihr gefällt das. Auf der Bank unter dem Kriegerdenkmal küsst Philipp in dieser Nacht das erste Mal ein Mädchen – sein Mädchen. Die Welt ist eine andere geworden und Philipp weiß jetzt eins: Dass er in Blutsuppe bleiben will, solange es geht, Betonkopf hin oder her.
Als Philipp am nächsten Morgen von der Arbeit verschwindet, um sein Mädchen zu besuchen, begegnet er dem verhassten Mairesse – er ist in der Stadt! Eigentlich müssten die beiden jetzt ihren Plan so schnell wie möglich durchziehen, aber Philipp will das Mädchen wieder sehen und beschwatzt Borawski, sich doch mehr Zeit für eine gründliche Vorbereitung zu nehmen. In der Nacht haut Philipp aus seinem Quartier ab – sie hat auf ihn gewartet, am Kriegerdenkmal. In einem VW-Bus verbringen sie ihre erste Nacht.
Am nächsten Morgen passiert im Wald ein Unglück: Der Rumäne wird von einem Baum erschlagen. Borawski und Philipp fliehen mit ihrem Betonkopf, um nicht bei den Bullen aussagen zu müssen. Aber der Patron holt die Bullen gar nicht – in der Nacht schleift er die Leiche des Rumänen in sein Auto und will sie einfach verschwinden lassen! Philipp und Borawski können das nicht zulassen. Philipp geht zu Mairesse – er ist der Einzige, der jetzt helfen kann. Zusammen verfolgen die drei den Wagen des Patron. Der ist mit der Leiche schon auf einen See hinaus gerudert, aber Mairesse befiehlt ihm, zurück zu kommen. Beim Anblick der Leiche kippt der Lehrer allerdings aus den Latschen und droht, im See zu ertrinken. Philipp rettet ihn. Tropfnass sitzen Lehrer und Schüler im Auto – der Rumäne ist tot, aber sie leben, sie haben Gutes getan– sie beginnen zu reden. Philipp fragt Mairesse nach dem Mädchen, er verrät, warum sie in „Blutsuppe“ sind und auch Mairesse beichtet: Der Kopf des Kriegerdenkmals hat so gar nichts mit seinem Opa zu tun…
Mairesse bietet den Jungs an, sie im Auto mit nach Deutschland zu nehmen. Philipp zögert – das Mädchen, er will bei ihr sein… Aber sie ist nicht mehr im Laden, nur eine alte Frau steht dort und Philipp versteht kein Wort von dem, was sie sagt. Wieder muss Mairesse ran. Und wieder hilft er: Das Mädchen sitzt bereits in einem Überlandbus in Richtung Heimatstadt – es ist Mairesse Nichte. Mairesse holt mit dem Auto den Bus ein und Philipp und das Mädchen können sich verabschieden.
Zuhause angekommen, gelingt es Philipp, sich seinen Eltern wieder zu nähern – die Reise, das Mädchen und Mairesse haben Philipp zurück ins Leben geholt. Mit seinem Vater schlägt Philipp in der Nacht den frisch ersetzten Kopf des Kriegerdenkmals noch einmal ab…
Thema
Der Roman konfrontiert den Leser in der Weltsicht eines 15jährigen, der sich zu verlieren droht. Die Geschichte ist geprägt von einem starken In-Beziehung-Setzen mit erwachsenen, männlichen Lebensmodellen. Vater-Lehrer-Wegbegleiter und die Frage des Pubertierenden: Wie soll ich als Mann leben? Wer bin ich?
Hinzu kommt der Kampf gegen den eigenen Körper, das Ringen mit der drängenden Libido – und die „Erlösung“ durch die Liebe.
Was braucht es zum Erwachsenwerden? Das Buch stellt Fragen und liefert Antworten: Eigene Entscheidungsräume, um Verantwortung zu übernehmen, Bewährungssituationen, eine selbstgewählte Moral – und aufrechte und durchlässige Vorbilder und Bezugspersonen.
Das literarische Werk, Erzähler und Erzählform
Philipp ist Ich-Erzähler in diesem Roman. Durch seine Erzählung lernen wir alle Charaktere kennen, seine subjektive Wahrnehmung der Ereignisse modelliert die Geschichte. Die Sicht von Philipp ist extrem kantig und regt zur Kontroverse an – das macht die Originalität des Buches aus. Das Buch traut sich was: Ein deutscher Jugendlicher will einem steinernen Resistance-Kämpfer den Kopf eines 2. Weltkrieg-Soldaten aussetzen; ein Pädophiler darf sich in aller Seelenruhe vor den Augen des Jugendlichen befriedigen; die Hälfte der Erwachsenenwelt wird als moralisch verwahrloste Looser dargestellt; Philipps explizierten sexuellen Phantasie – das Erstlingswerk von Andi Rogenhagen ist provokant. Die Dialoge sind stark, die Pubertäts-Lethargie wird von spannungsvollen Ereignissen/Szenen immer wieder aufgebrochen. Am Ende des Romans gibt es leichte Schwächen in der Handlung: Das Philipp den Lehrer vor dem Ertrinken rettet, erscheint im Kontext der übrigen Handlung zu groß und aufgesetzt. Der Abschluss der Liebesgeschichte hat einen Hang ins Süßliche und die perfekte Harmonie zum Ende der Geschichte wirkt etwas überbordend, aber wird wett gemacht durch eine gelungene Pointe!
Der Erstlings-Roman wird sicher kein Bestseller – dazu ist er zu provokant und zu speziell im Humor. Der Verlag vermarktet ihn auch nicht als solchen – er erscheint zwar als Hardcover aber eher versteckt in der Rubrik „Frauen“. Dass das Buch im Feulliton starke Beachtung findet, ist eher unwahrscheinlich.
Adaptionspotential
Dieser Roman bietet sich per se für eine filmische Adaption an – eine klassische Coming-of-Age Geschichte mit kontroverser Prämisse und starker Charakterentwicklung. Gute Dialoge, starke Szenen und originelle/kontroverse Figuren. Die größte Herausforderung in der Adaption wird es sein, den Ich-Erzähler/die starke innere Handlung filmisch umzusetzen und dabei die Komplexität der Hauptfigur nicht zu verlieren. Philipps subjektive Wahrnehmung – die authentische Sicht eines Pubertierenden auf die Erwachsenenwelt und seine „Unkorrektheit“ dabei – macht die Besonderheit des Romans aus. Mitzuerleben, wie der Pubertäts-Panzer langsam aufweicht und welche Prozesse aus Philipp wieder einen „Lebendigen“ machen, sind zentrale Punkte der Geschichte, die viel Potential zur Empathie beim Zuschauer bieten.
Der Roman hat nach 50 Seiten Einleitung zwei große Blöcke: Der Reise-Teil (ca. 125 Seiten)und das Ankommen und die Ereignisse in der französischen Kleinstadt (ca. 100 Seiten). Es empfiehlt sich, den Abschnitt on the road, deutlich zu komprimieren. Im Reiseteil dominiert der Kampf mit den äußeren Hindernissen ihrer Reise und die Wahrnehmung des Verhaltens von erwachsenen, männlichen Widersacher – der Pädophile, der Säufer, der sie ausnimmt, der asoziale Familienvater, der sie als Mitfahrer übers Ohr haut und aussetzt… Figuren wie der Einsiedler, der seinen Frieden mit der Welt gefunden hat, und der Mann mit dem verletzten Sohn, erzählen Philipp ganz andere Geschichten über das Leben.
Der Lehrer Mairesse ist zwar der klar ausgesprochene Gegner der Jungen, aber die Antagonisten-Rolle ist eigentlich viel komplexer und vereint alle erwachsenen (männlichen) Widersacher. Dies trotz Reduktion des Reiseteils im Film zu erzählen, verlangt gute Drehbucharbeit.
Zielpublikum/Marktpotential
Kino: Arthouse Kino-Produktion mit guten Festival-Auswertungschancen aber eher begrenztem Box-Office. Deutsch-Französische Koproduktion bietet sich an.
TV: Auch Fernsehen möglich abhängig vom Redaktionsprofil (HR, arte). Guter Stoff für ein Abschlussfilm oder Regiedebüt (ZDF, Kleines Fernsehspiel).
Zielpublikum: Junges erwachsenes Zielpublikum, tendenziell weiblich.
Da nicht damit zu rechnen ist, dass der Roman „Heldensommer“ ein großer Verkaufserfolg wird, wird die unterstützende Wirkung bei der Vermarktung des Filmes eher gering sein.
Die Ungeheuerlichkeit der Prämisse, dass ein deutscher Jugendlicher heute auf die Idee kommt, einem Resitance-Denkmal einen deutschen Soldatenkopf aufzusetzen, kann Kontroversen auslösen und Interesse für den Film wecken. Weiteres Stichwort: „Jungen – das gefährdete Geschlecht“ – was bringt sie in die Krise, was führt sie heraus?

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